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Ich habe keine Zeit
11. Juli 2015
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… ist der meistverwendete Satz, mit dem wir uns als Opfer des Zeitdrucks entschuldigen. Trotz der Erfindung immer zeitsparenderer Techniken in allen Lebensbereichen, leiden die meisten von uns unter immer grösserem Zeitmangel.

Die Beschleunigung, der Wunsch, möglichst viel in immer kürzerer Zeit immer schneller zu erreichen, hat in allen Bereichen Einzug gehalten. Die Mast der Schweine und die Reifung von Käse stehen genauso unter einem Beschleunigungsdruck wie die Kinder in der Schule, oder die Entwicklungsabteilungen der vielen Unternehmensbranchen.

Über die vielfältigen Auswirkungen berichten die Medien täglich. Der Glaubenssatz «schneller ist besser» wurde in die Köpfe der Menschen des 21. Jahrhunderts implantiert. Der moderne Mensch hat keine Zeit. Er will vielleicht auch keine haben, denn sonst könnte er zum Nachdenken über sich selbst kommen.

So geht es mir derzeit. Neulich als ich beim Fahrradfahren realisiert habe, wie weit bereits die Vegetation in diesem Sommer vorangeschritten ist, stellte ich mir erstaunt die Frage, wann denn das alles gewachsen ist. Das Getreide ist beinahe reif und wird sicherlich in den nächsten Wochen eingefahren. Die Erdbeersaison neigt sich dem Ende zu, und die Kirschen, sowie andere Köstlichkeiten des Sommers sind bereits reif und können geerntet werden. Das gab mir den Anstoß mehr mit dem Thema Zeit und deren Bedeutung etwas näher zu beschäftigen.

Die Erfahrung kennt wohl jeder, wie sich unser Zeit-Erleben in Krisenzeiten, zum Beispiel bei einer Krankheit, völlig verändert. Plötzlich geraten unsere sonst so notwendigen Alltagsarbeiten in den Hintergrund, ganz anderes wird uns wichtig. Wir vergessen dabei die Zeit und genießen oder erleiden nur den Augenblick. Diese Erfahrungen zeigen uns, dass Zeit nicht nur das ist, was die Uhr anzeigt, sondern auch mit unserem Inneren, mit unserem Bewusstsein etwas zu tun hat.

Ich begab mich auf eine Recherche im Internet und fand einen Artikel zum Thema Zeit. Denn schon die alten Griechen kannten für Zeit zwei Begriffe: Chronos und Kairos. Unter Chronos verstanden sie die gleichmäßig ablaufende Zeit, die den korrekten „Zeitpunkt“ angibt. Wie eine Maschine versucht man möglichst viel in die so knappe Zeit hineinzupacken und die «unproduktiven» Pausenzeiten, ausschalten. Kairos hieß bei den alten Griechen die innere Zeit, die sich gefühlsmäßig einmal verlangsamende und einmal beschleunigende innere Zeit, die den richtigen Zeitpunkt angibt. Es geht darum das richtige Zeitmaß zu finden, den Rhythmus von Ruhe und Aktivität, der auch die bewusst eingeplanten Pausenzeiten enthält.

Heute hat bei den meisten Menschen leider der Chronos die Alleinherrschaft übernommen. Es wird ihm alles untergeordnet. Zeit ist Geld – also muss immer mehr Leistung, immer mehr Nutzen in immer weniger Zeit erbracht werden. Damit wird jedoch deutlich das wir ausgeblendet haben, dass es noch eine andere Zeitperspektive gibt. Beide Zeitauffassungen, Chronos wie Kairos, sind für unser Zusammenleben notwendig. Es ist jedoch wichtig sie in der Balance zu halten und zu schauen, wann welche Zeitauffassung angemessen ist.

Wenn die Freizeit keine «freie Zeit» mehr ist, sondern in ihr, leistungsbezogene Tätigkeiten ausgeübt werden, und ein Termin den nächsten jagt, oder versucht wird möglichst alle Informationen auf einmal zu verarbeiten, dann hat man die eigene Zeit-Regie an Chronos abgegeben. Dann steht man in der Gefahr, nicht mehr seine Eigenzeit zu spüren, nicht mehr zu empfinden, was der eigene Körper, der Geist und die Seele brauchen. Hektik macht sich in der Alltagsroutine wie im Beruf deutlich bemerkbar. Denken wir etwa an die Ungeduld vor Supermarktkassen oder an die enge Taktung von Gesprächen, Mails und Social Media, die kaum mehr substanzielle Kommunikation oder Verschnaufpausen zulässt.

Was bleibt durch die Beschleunigung auf der Strecke?

Tiefgang, Substanz, Qualität. Und zwar in zwischenmenschlicher wie auch jeder anderer Hinsicht. Wenn wir uns mit einem Fahrzeug rasend schnell vorwärts bewegen, sind wir zwar schnell am Ziel, aber wir registrieren keine Details mehr von der näheren Umgebung. Aber wer schon einmal einen ergiebigen Spaziergang, gehaltvolle Stille oder ein entschleunigtes Fest mit Freunden erlebt hat, der ahnt, was sonst im hektischen Alltag auf der Strecke bleibt. Also warum genießen wir mal nicht mehr Langsamkeit? Da wo es natürlich auch geht.

In den rasenden Zeiten gibt es viele gutgemeinte Ratschläge von Experten die sich leider nicht immer realisieren lassen. Aber eine Erkenntnis habe ich mir aus der letzten Zeit mitgenommen, das ist:

Wer seine Eigenzeit leben will, soll nicht versuchen die Zeit in den Griff zu bekommen (weil das gar nicht geht) oder die Schuld für den Zeitstress auf andere zu schieben. Wer seine Eigenzeit leben möchte, soll die Verantwortung darüber übernehmen und versuchen, neben den unabänderlichen Zwängen des Chronos noch den Zeitgenuss des Kairos in sein Leben zu integrieren.

Denn es ist völlig sinnlos zu versuchen die Zeit zu stoppen oder dehnen zu wollen. Eine Stunde hat nun mal nur 60 Minuten und jede Minute nur 60 Sekunden. Und das Einzige, das wir verändern können, ist die Qualität von Zeit. Also wie wir die Zeit verbringen.

Für mich habe ich beschlossen täglich für einen Augenblick kurz innezuhalten und die Welt von Außen zu betrachten. Auch das Handy, vorerst am Sonntag, weglegen und mich stattdessen gehaltvollen Gesprächen oder dem absoluten Nichtstun zu widmen.

Folgenden Satz habe ich auch im Internet gefunden der uns alle prägen sollte: Zeit ist eine Gabe Gottes – und noch dazu eine sehr, sehr wertvolle, denn wir können uns nicht eine Sekunde dazukaufen.

Aber wie gehen wir mit diesem Gottesgeschenk um? Wer den Herrn liebt, sollte auch sein Geschenk (die Zeit) zu würdigen wissen, und sie nicht sinnlos vergeuden.

Eines Tages, und zwar am Jüngsten Tag, wird der Herr dich fragen: „Wofür hast du die Zeit genutzt, die ich dir gegeben habe?

Was wirst du Ihm antworten?

Stanislaus M.